Die neue Gleichheit in der GGG

Zeitreise-Berichte einer 9. Klasse des Julius-Motteler-Gymnasiums in Crimmitschau am 9. Januar 2020

Die folgende Live-Schaltung aus dem Jahr 2040 entstand am Julius-Motteler-Gymnasium in Crimmitschau, baut aber auf einem Gesellschaftsentwurf einer 10. Klasse am BIP Kreativitätsgymnasium auf.

Vor 20 Jahren, genauer im Jahrtausend-Hitzesommer 2020, verlagerten sich die extremen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Randparteien auf die Straße. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, Gewalt und Mord prägten den Alltag, Kinder konnten nicht mehr zur Schule gehen. Sogar der Hunger kehrte wieder, weil sämtliche Versorgungssysteme zusammenbrachen.

In diesem politischen Chaos gründete sich die GGG, die „Gemeinsame Gleichgestellte Genossenschaft“, die ihren Namen zum Staatsprogramm machte. Zentrales Element der revolutionären Agenda wurde das Gleichstellungsgesetz. Es legte fest, dass alle Menschen gleich zu behandeln sind – jeder Staatsbürger erhält den gleichen Wohnraum, die gleichen Rechte, die gleiche Grundversorgung und vor allem: die gleichen Chancen. Das Arbeiten wurde zur „ersten Bürgerpflicht“ ausgerufen.

Auch in anderen Bereichen hat sich die Gesellschaftsorganisation seitdem radikal geändert. Jedem Arbeitnehmer stehen 40 Tage Urlaub im Jahr zur Verfügung sowie 5.000 Euro Erholungsgeld. Vor dem Einstieg in das Berufsleben besucht man 13 Jahre die Schule. Dabei bekommen die Schüler die ersten 9 Jahre Einblicke in alle Fächer, ab der 10. Klasse entscheidet sich jeder für einen „Sektor“, in dem er bzw. sie später arbeiten möchte. Alle Schulpflichtigen erhalten einen Laptop – das spart die Produktionskosten herkömmlicher Bücher und trägt zur Schonung der Umwelt bei.

Hocheffektive Solaranlagen auf den Hausdächern haben maßgeblich zum Erfolg der Energiewende beigetragen, die Bevölkerung wird im Jahr 2040 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgt. An den Außenfassaden der Häuser wird Gemüse angebaut, das den Großteil des Lebensmittelbedarfs deckt. Um die Umwelt weniger zu belasten, werden nahezu ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel genutzt – kostenlos für alle.

Jeder Bürger trägt eine Uhr, mithilfe derer die Gesundheitswerte dauerhaft überprüft und beispielsweise Herzinfarkte vermieden werden können. Wer mit dem neuen politischen System der GGG nicht einverstanden ist, „darf“ das Land „freiwillig“ verlassen – denn die GGG zwingt niemandem zu seinem Glück!

Aufzeichnung eines einflussreichen Ministers der GGG

Alles, was ich Ihnen bis hierhin erzählt habe, ist das, was die Öffentlichkeit meint zu wissen. Das neue System wurde nur erfolgreich durchgesetzt und angenommen, weil wir es mit viel Propaganda „durchpeitschten“ und die Bevölkerung haben glauben lassen, dass dies die einzige Möglichkeit sei, einen totalen Krieg zu stoppen. „Alternativlos“ nannten wir das.

Alle fünf Jahre findet eine Genossenschaftswahl des „Repräsentanten“ statt. Dies kann jeder werden, der sich auf den Sektor Sicherheit und Politik fokussiert hat. Der derzeitige Repräsentant bin ich. Ich darf mir ein Komitee aus beliebig vielen Leuten zusammenstellen, die mir helfen, das System aufrechtzuerhalten und Probleme zu „lösen“. Wir überwachen alle Gesellschaftsbereiche. Nach offizieller Lesart „dürfen“ alle Menschen, die gegen das System sind, das Land „freiwillig“ verlassen. In Wahrheit werden diese aber gewaltsam abgeschoben und ausgebürgert.

Mit den Armbändern, die alle Bewohner tragen müssen, überprüfen wir, ob die Menschen ihren bürgerlichen Pflichten nachkommen. Was Pflicht ist, legt die GGG fest. Zuwiderhandlungen werden mit Strafarbeit, Gefängnis oder Ausweisung geahndet – so viel zur „Freiwilligkeit“ in unserem Lande. Wenn das alles, was ich hier geschrieben habe, herauskommt, bin ich jedoch schon längst nicht mehr auf dieser Welt – unfreiwillig.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Auf der Straße

 Handelnde Personen:  

  • Mutter Brigitte
  • Theo – Kind  
  • Lara – Kind  
  • Polizist  
  • Rentner  
  • Rentnerin  

Eine Mutter geht mit ihren zwei Kindern spazieren. Das eine Kind spielt nur am Handy, das andere interessiert sich für Gegenstände an den Häuserfassaden.

Mutter (zu Lara): Hör doch mal auf mit dem Handy. Was ist denn los mit dir? Gib das jetzt her, du kriegst das heute Abend wieder. (nimmt Lara das Handy weg)

Theo: Mama, was ist denn das da oben? Was sind denn das für komische Platten mit dem Gemüse drauf?

Mutter: Als ob du das nicht weißt. Das Gemüse ist da drauf, damit wir die Umwelt schützen. So verschwenden wir zum Beispiel kein Plastik mehr beim Einkauf. Wir sind jetzt alle bio und öko und so.

Theo: Und was sind die Platten?

Mutter: Das sind Solarplatten. Aus denen kommt die Energie, die du zum Beispiel brauchst, um dein Handy aufzuladen.

Theo: Achsooo.

Ein Polizist kommt auf die drei zu.

Polizist: Schönen guten Tag, allgemeine Uhrenkontrolle! Zeigen Sie doch bitte mal Ihre Uhren. (Mutter und Theo zeigen ihre Uhren vor) Gut. (zu Lara) Und deine?

Lara: Keine Ahnung, wo die ist. Braucht doch eh niemand.

Polizist: Doch, was ist, wenn du tot umfällst?

Lara: Als ob ich tot umfalle. Außerdem nützt mir die Uhr dann doch auch nichts mehr.

Polizist (zur Mutter): Wie man sieht, sind Sie sehr verantwortungslos. Das könnte strafrechtliche Folgen haben. Entweder Sie sind nicht fähig, sich in unser System einzugliedern und müssen es verlassen, oder Sie bezahlen jetzt die Strafe.

Mutter: Wie viel muss ich denn bezahlen?

Polizist: 350 Euro.

Mutter: Na gut, dann bezahl ich das halt. (bezahlt mithilfe eines Chips)

Polizist: Danke sehr, schönen Tag noch. (geht ab)

Mutter (wütend): Ist das dein Ernst? Wo ist deine verdammte Uhr!?

Lara: Die ist zuhause irgendwo, ich habe die da irgendwo verloren.

Mutter: Was ist, wenn du überfahren wirst?

Lara: Warum soll ich denn überfahren werden?

Mutter: Wenn du immer auf dein Handy guckst!

Lara: Ich schaue doch gar nicht immer auf mein Handy! Wofür brauche ich denn diese Uhr?

Mutter: Die schützt dich doch.

Lara: Wovor?

Mutter: Na, vor Gefahren. Die kontrolliert doch alles. Wo du bist, was du machst, alles! (blickt auf ihre Uhr) Egal, wir gehen jetzt zur Bahn, sonst verpassen wir die noch. Hast du dein Ticket?

Lara: Wozu denn das Ticket? Wir können doch seit vergangenem Jahr kostenlos Bahn fahren.

Mutter: Ach stimmt. Das vergesse ich immer wieder.

Alle drei eilen zur Bahn. Ein Rentnerpaar geht vorüber.

Renter: Siehst du das, Renate?

Rentnerin: Früher hätte es sowas nicht gegeben.

Vor sich hin schimpfend gehen die beiden ihres Weges.


2. Akt: In der Schule

 Handelnde Personen:

  • Lehrer  
  • Stefanie – Schülerin  
  • Toni – Schüler  
  • Andrea – Schülerin  

Der Lehrer kommt in die Klasse. Alle Schüler haben ein Handy in der Hand.

Lehrer: Guten Morgen, liebe Schüler! (halbherziges Guten Morgen von Seiten der Schüler)
Moment, ich hole noch schnell mein Lerntablet raus. Also, wie ihr ja sicherlich wisst, ist das neunte Schuljahr bald zu Ende. Es ist an der Zeit, dass ihr euch für einen Sektor entscheidet. Es gibt ja verschiedene: Den Arbeitssektor, den Freizeitsektor und den Hartz IV-Sektor. Also erzählt mal, habt ihr euch denn schon Gedanken darüber gemacht?

Toni: Es ist doch eh egal, in welchen Sektor wir gehen. Wir verdienen alle dasselbe.

Lehrer: Wenn du dieser Meinung bist, dann werde halt arbeitslos und geh in den Hartz IV-Sektor.

Andrea: Das sehe ich aber auch so. Dann kann ich auch einen Job machen, für den ich keinen guten Abschluss brauche. Ich kriege ja auch so meine Kohle.

Stefanie: Also ich finde es gut, dass man sich einen Sektor aussuchen kann. Denn dann kann man seine Interessen schon in das Schulleben einbringen.

Lehrer: Genau, ihr solltet euch alle ein Beispiel an Stefanie nehmen.

Toni: Ach, es ist doch egal. Ich kann machen was ich will, und kriege trotzdem mein Geld. Wir bekommen ja alle das Gleiche!

Stefanie: Aber wenn du Spaß daran hast, ist es doch gut, wenn du Geld dafür bekommst.

Andrea (mit erhobener Stimme): Dann muss man sich aber nicht mehr anstrengen! Wenn man eh alles kostenlos bekommt…

Lehrer (greift ein): Seid ihr jetzt fertig? Habt ihr’s jetzt? (die Schüler beruhigen sich) Okay. Dann schlage ich mal etwas vor. Und zwar schauen wir uns jetzt einen Film über eine Gerichtsverhandlung an.

Stefanie: Was für eine Gerichtsverhandlung?

Lehrer: Lass dich überraschen! Ich kann mir vorstellen, dass es euch für eure Zukunft helfen wird. Los geht’s! (schaltet den Film ein)


3. Akt: Vor Gericht

 Handelnde Personen:

  • Richterin  
  • Frau Grün – Bankkauffrau  
  • Bauarbeiter (Geschworener)  

Die Richterin tritt ein, alle stehen auf.

Richterin: Sie können sich setzen. (alle setzen sich) Guten Tag, meine Damen und Herren! Ich begrüße Sie recht herzlich zu dieser Gerichtsverhandlung am 09.01.2040. Wir haben uns hier versammelt, weil Frau Grün einen Antrag gestellt hat. Sie möchte als Bankkauffrau mehr Geld verdienen. Ihr sei das jetzige Gehalt zu niedrig.

Frau Grün: Ich sehe das nicht ein, dass ich von früh bis spät im Büro sitze und trotzdem dasselbe Geld verdiene wie gewöhnliche Menschen. Ich habe viel mehr Geld verdient.

Richterin: Was sind denn in Ihren Augen gewöhnliche Menschen?

Frau Grün (hochnäsig): Solche Leute wie Bauarbeiter oder Handwerker.

Richterin: Was für ein Zufall, wir haben unter den Geschworenen einen Bauarbeiter, wenn ich richtig informiert bin. Möchten Sie vielleicht etwas dazu sagen?

Bauarbeiter: Aber sicher, vielen Dank, Frau Richterin. Liebe Frau Grün, ist das Ihr Ernst? Ich arbeite seit nunmehr 30 Jahren in einer Baufirma. Ich denke nicht, dass wir weniger Geld verdient haben als Sie „Büro-Irgendwas“. Wir strengen uns an, wir benutzen unsere Hände, ohne uns läuft hier in unserer Gesellschaft gar nichts. Wir sollten nicht weniger Geld verdienen als Sie.

Frau Grün: Das sehe ich aber nicht so. Ich bin höher gebildet und habe deshalb mehr Geld verdient.

Richterin: Ist denn ein Bauarbeiter nicht gebildet, nur weil er seinen Abschluss nicht an einer Universität gemacht hat?

Frau Grün: Ich will trotzdem mehr Geld.

Bauarbeiter: Wir befinden uns in der „Gemeinsamen Gleichgestellten Genossenschaft“ und da verdient nun mal jeder und jede gleich viel.

Frau Grün: Wir sitzen den ganzen Tag im Büro und da ist so was wirklich nicht gerechtfertigt. (zeigt mit abschätzigem Blick auf den Bauarbeiter) Mich mit so etwas zu vergleichen, das sehe ich nicht ein.

Richterin: Wir wollen bitte sachlich bleiben. Sie arbeiten im Büro, er auf der Baustelle. Sollte seine körperliche Arbeit etwa nicht bezahlt werden?

Frau Grün: Doch, schon, aber nicht so hoch wie meine! Als studierte Bankkauffrau habe ich ja wohl mehr verdient als so etwas wie der da!

Bauarbeiter: Mich so zu beleidigen…

Richterin: Nun gut, wir werden uns nun einige Minuten zur Besprechung zurückziehen und fällen dann unser Urteil. (geht ab)

Nach der Gerichtspause verliest die Richterin das Urteil.

Richterin: Das Gericht stellt fest, indem es Paragraph 3 Absatz 4 des Gesetzbuches folgt, dass jeder und jede gleich viel Geld bekommt. Wenn Ihnen das nicht passt, Frau Grün, haben Sie immer noch die Möglichkeit, freiwillig zu gehen. Sie können jederzeit das Land verlassen. Auf freiwilliger Basis natürlich.

Frau Grün: Gut, dann werde ich das tun. Tschüss! (steht auf und geht)

Richterin: Dann ist das Problem ja gelöst und die Gerichtsverhandlung damit geschlossen. Guten Tag!

Die Richterin steht auf und verlässt kopfschüttelnd den Saal.