Wer nicht mitmacht, darf gehen

Vor 20 Jahren, genauer im Jahrtausend-Hitzesommer 2020, verlagerten sich die extremen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Randparteien auf die Straße. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, Gewalt und Mord prägten den Alltag, Kinder konnten nicht mehr zur Schule gehen. Sogar der Hunger kehrte wieder, weil sämtliche Versorgungssysteme zusammenbrachen.

In diesem politischen Chaos gründete sich die GGG, die „Gemeinsame Gleichgestellte Genossenschaft“, die ihren Namen zum Staatsprogramm machte. Zentrales Element der revolutionären Agenda wurde das Gleichstellungsgesetz. Es legte fest, dass alle Menschen gleich zu behandeln sind – jeder Staatsbürger erhält den gleichen Wohnraum, die gleichen Rechte, die gleiche Grundversorgung und vor allem: die gleichen Chancen. Das Arbeiten wurde zur „ersten Bürgerpflicht“ ausgerufen.

Auch in anderen Bereichen hat sich die Gesellschaftsorganisation seitdem radikal geändert. Jedem Arbeitnehmer stehen 40 Tage Urlaub im Jahr zur Verfügung sowie 5.000 Euro Erholungsgeld. Vor dem Einstieg in das Berufsleben besucht man 13 Jahre die Schule. Dabei bekommen die Schüler die ersten 9 Jahre Einblicke in alle Fächer, ab der 10. Klasse entscheidet sich jeder für einen „Sektor“, in dem er bzw. sie später arbeiten möchte. Alle Schulpflichtigen erhalten einen Laptop – das spart die Produktionskosten herkömmlicher Bücher und trägt zur Schonung der Umwelt bei.

Hocheffektive Solaranlagen auf den Hausdächern haben maßgeblich zum Erfolg der Energiewende beigetragen, die Bevölkerung wird im Jahr 2040 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgt. An den Außenfassaden der Häuser wird Gemüse angebaut, das den Großteil des Lebensmittelbedarfs deckt. Um die Umwelt weniger zu belasten, werden nahezu ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel genutzt – kostenlos für alle.

Jeder Bürger trägt eine Uhr, mithilfe derer die Gesundheitswerte dauerhaft überprüft und beispielsweise Herzinfarkte vermieden werden können. Wer mit dem neuen politischen System der GGG nicht einverstanden ist, „darf“ das Land „freiwillig“ verlassen – denn die GGG zwingt niemandem zu seinem Glück!

Aufzeichnung eines einflussreichen Ministers der GGG

Alles, was ich Ihnen bis hierhin erzählt habe, ist das, was die Öffentlichkeit meint zu wissen. Das neue System wurde nur erfolgreich durchgesetzt und angenommen, weil wir es mit viel Propaganda „durchpeitschten“ und die Bevölkerung haben glauben lassen, dass dies die einzige Möglichkeit sei, einen totalen Krieg zu stoppen. „Alternativlos“ nannten wir das.

Alle fünf Jahre findet eine Genossenschaftswahl des „Repräsentanten“ statt. Dies kann jeder werden, der sich auf den Sektor Sicherheit und Politik fokussiert hat. Der derzeitige Repräsentant bin ich. Ich darf mir ein Komitee aus beliebig vielen Leuten zusammenstellen, die mir helfen, das System aufrechtzuerhalten und Probleme zu „lösen“. Wir überwachen alle Gesellschaftsbereiche. Nach offizieller Lesart „dürfen“ alle Menschen, die gegen das System sind, das Land „freiwillig“ verlassen. In Wahrheit werden diese aber gewaltsam abgeschoben und ausgebürgert.

Mit den Armbändern, die alle Bewohner tragen müssen, überprüfen wir, ob die Menschen ihren bürgerlichen Pflichten nachkommen. Was Pflicht ist, legt die GGG fest. Zuwiderhandlungen werden mit Strafarbeit, Gefängnis oder Ausweisung geahndet – so viel zur „Freiwilligkeit“ in unserem Lande. Wenn das alles, was ich hier geschrieben habe, herauskommt, bin ich jedoch schon längst nicht mehr auf dieser Welt – unfreiwillig.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Zu Hause bei den Steinrücks

 Handelnde Personen:

  • Henry Steinrück – Ehemann
    und Fabrikarbeiter
  • Maria Steinrück – Ehefrau  
    und Fabrikarbeiterin  
  • Sachbearbeiter im Arbeitsministerium  
  • Polizistin  

Maria Steinrück: Wie war denn dein Tag?

Henry Steinrück: Ach, naja, ich hatte heute nicht wirklich Bock, ich bin nicht zur Arbeit gegangen…

Maria Steinrück: Was, aber du warst schon fünf Mal nicht! Das kannst du doch nicht tun!

Henry Steinrück: Das fällt doch eh keinem auf…

Maria Steinrück: Doch, tut es! Hast du nicht gehört, wer nicht zur Arbeit geht, wird abgeschoben.

Henry Steinrück: Was?

Maria Steinrück: Naja, die Theorie besagt ja, man darf gehen. Aber in Wirklichkeit MUSS man gehen. Willst du abgeschoben werden?

Henry Steinrück: N-nein! Denkst du, da passiert jetzt was?

In einem Büro im Arbeitsministerium.

Sachbearbeiter: Ach, wenn das nicht den Verlust eines sehr guten Bürgers bedeutet. Er hat Kultur studiert. (zuckt mit den Schultern) Aber wer nun mal nicht ins System will, muss abgeschoben werden. Da kann man nicht viel machen. Wer nicht ins System passt, „darf“ gehen.

Wieder bei den Steinrücks zu Hause.

Henry Steinrück: Hallo, ja, wer ist da? (macht die Tür auf)

Polizistin: Guten Tag! Hiermit sind Sie festgenommen. Ich werde Sie nun begleiten und Sie dürfen das Land freiwillig verlassen.

Henry Steinrück: Aber, was? Wieso denn? Was habe ich denn gemacht?

Polizistin: Sie haben Ihre bürgerliche Pflicht nicht erfüllt. Das heißt, Sie dürfen sich jetzt hinstellen, Arme hinter den Rücken, und ich werde Sie freiwillig aus dem Land führen.

Herr Steinrück stammelt noch etwas von schlechter gesundheitlicher Verfassung, doch die Polizistin lässt sich nicht beirren. Maria Steinrück schaut unter Tränen hilflos zu.


2. Akt: In der Schule

 Handelnde Personen:

  • Schuldirektor  
  • Frau Winkler – Mutter  
  • Anna Winkler – Tochter
    und Schülerin  

Eine Frau kommt mit ihrem Kind ins Büro des Schuldirektors.

Schuldirektor: Guten Tag! Sie sind die Frau …

Frau Winkler: Winkler.

Schuldirektor: Dann musst du Anna sein, ja?

Anna: Ja.

Schuldirektor (zu Frau Winkler): Wir wollten ja über die Zukunft ihrer Tochter sprechen. Wie Sie ja wissen, haben wir in unserem Bildungssystem die vier Sektoren Kultur, Medizin, Wirtschaft und Recht. Da Ihr Kind jetzt am Ende der neunten Klasse ist, muss es langsam eine Entscheidung treffen. Anna hat leider noch nicht gesagt, in welchen Sektor sie gehen möchte. Aber wenn sie dazu nichts sagt, muss sie halt zugewiesen werden.

Frau Winkler (zu Anna): Du hast dich noch nicht entschieden?

Anna: Nein, in meiner Klasse macht sich da kaum jemand Gedanken drum.

Frau Winkler: Aber dieser Sektor entscheidet dann über dein gesamtes restliches Leben!

Anna: Ich weiß, aber …

Frau Winkler: Hast du gar keine Ahnung, was du machen möchtest?

Anna: Naja, vielleicht … Wirtschaft?

Schuldirektor: Okay, wie sieht es denn mit Medizin aus, vielleicht interessierst du dich auch für Medizin?

Anna: Aber ich hatte doch… (zögerlich) Ja?

Schuldirektor: Wir haben gerade einen Fachkräftemangel in der Medizin, da könnten wir Hilfe gut gebrauchen. Es freut mich, dass du Medizin gewählt hast. Das war auch schon alles, Sie dürfen gehen.

Frau Winkler und Anna schauen sich verwundert an, nehmen aber die freiwillig akzeptierte Entscheidung des Direktors hin und verlassen schweigend den Raum.


3. Akt: Zu Hause bei Frau Durchschnitt

 Handelnde Personen:

  • Frau Durchschnitt  
  • Roboter  

Frau Durchschnitt ist gerade aufgewacht. Sie ist Single, aber wohnt nicht allein zu Hause.

Frau Durchschnitt: Hallo Roboter.

Roboter: Guten Tag! Es ist draußen drei Grad und es ist bewölkt.

Frau Durchschnitt: Hast du schon alles von der To-Do-Liste abgearbeitet?

Roboter: Ja, alles ist erledigt, bis auf den Müll, der muss noch rausgebracht werden. Das werde ich gleich erledigen.

Frau Durchschnitt: Alles gut.

Roboter: EILMELDUNG! Sie haben eine Nachricht. Von Herrn Dr. Kunze. Ein Angehöriger von Ihnen liegt im Krankenhaus. Er wird gerade behandelt. Seine Kapillaren werden gereinigt. Er ist bewusstlos.

Frau Durchschnitt: Wird er sterben?

Roboter: Nein.

Frau Durchschnitt: Okay, dann zeig mir doch die Buspläne und dann kannst du dich herunterfahren.

Roboter: Hier sind die Buspläne.

Der Roboter zeigt die Pläne, bringt den Müll raus, geht in eine Ecke und schaltet sich aus. Frau Durchschnitt zieht sich die bereits zurechtgelegte Kleidung an, setzt sich an den gedeckten Tisch und isst ihr Frühstück.