Das Interment

Ein Zeitreise-Bericht einer 12. Klasse am Beruflichen Schulzentrum Delitzsch vom 15. bis 16. November 2021


Wir schreiben das Jahr 2040

Das Wohlstandgefälle wurde in den letzten Jahren deutlich verringert. Es existieren zwar noch Einkommensunterschiede, aber von armen kann genauso wie von reichen Bürgern keine Rede mehr sein. Doch nicht nur deshalb sind die Menschen hochgradig politisch zufrieden.

Es gibt kein Ausland oder das „Heimatland“, die Welt ist eine große Nation, regiert von einer direkten Demokratie. In der neuerbauten Welthauptstadt auf antarktischem, mithin neutralem Territorium tagt an allen Wochentagen ein länderübergreifendes Parlament, das sogenannte „Interment“. Dessen Sitzungen werden trotz der ungebrochenen Dominanz des Internets nicht über Online-Konferenzen, sondern wirkliche Versammlungen mit einem lebendigen Austausch abgehalten. Im Interment sitzen statt Parteifraktionen mehrere hundert unabhängige Abgeordnete (Intermentarier), die von der Weltbevölkerung regelmäßig gewählt werden. Der Proporz der Sitze wurde durch eine Künstliche Intelligenz ermittelt, wobei die Herkunft der Abgeordneten aus allen Regionen der Welt und unterschiedlichen Berufsgruppen ein zentrales Kriterium darstellte. Über kleinste Hörgeräte mit intelligenter Software werden zudem alle Redebeiträge im Interment gleich welcher Sprache simultan in alle Sprachen der Anwesenden übersetzt. Alle Intermentarier arbeiten nicht nur in der Welthauptstadt, sondern leben dort mit ihren Familien.

Aufgabe des Interments ist es, verschiedene Gesetzesvorschläge, die über das Internet von den Weltbürgern eingegangen sind oder vom Interment selbst stammen, zu diskutieren und über die Priorität und Realisierbarkeit dieser Vorschläge abzustimmen. Über die Durchsetzung dieser Vorschläge in Gesetzesform befinden zuletzt jedoch stets Entscheide unter der gesamten Weltbevölkerung. Und ebenso bei bestehenden Gesetzen darf jeder Bürger jederzeit über ein speziell entwickeltes Forum Änderungsvorschläge äußern. Das führt zu einer großen Akzeptanz der politischen Entscheidungen und wiederum zu noch mehr allgemeiner Zufriedenheit.

Es besteht eine weitgehende Gleichberechtigung. Unter anderem erhalten alle die gleiche gesundheitliche Versorgung und Schulbildung. Die Schule findet in Kleinstklassen mit 5 bis 10 Schülern statt, mit Verzicht auf einen Frontalunterricht. Es herrscht eine gewisse Disziplin unter den Schülern, ohne dass dabei der Spaß auf der Strecke bleibt. Bei der Organisation und Durchführung des Unterrichts kommen moderne Technologien wie Display-Tische, Chat-Räume und ebenfalls Künstliche Intelligenz zum Einsatz. So soll in Zukunft die Kontrolle von Klassenarbeiten oder Klausuren nicht mehr Aufgabe des Lehrers, sondern eines speziell entwickelten KI-Korrektors sein, um eine objektive Bewertung ohne Präferenzen zu ermöglichen. Der Unterricht wird jedoch auch weiterhin von einem Lehrer geführt, damit der soziale Aspekt nicht verloren geht.

Auch in der Arbeitswelt übernehmen verstärkt Künstliche Intelligenzen und Roboter geistig und körperlich anstrengende Aufgaben, auch in Nachtschichten. Die Menschen arbeiten nur noch tags und maximal vier Stunden. Insgesamt folgt daraus eine höhere Produktivität. Für die Arbeitstätigen gibt es ein Mindestgehalt, das nicht unterschritten werden darf, ebenso wie ein Höchstgehalt und dazwischen mehrere Abstufungen. Diese hängen von der jeweiligen Berufsgruppe ab, während die Angehörigen innerhalb einer Gruppe immer gleich entlohnt werden müssen. Genauer wird von unterschiedlichen, der Zahl nach festgelegten beruflichen „Rängen“, nicht von Berufsgruppen oder gar sozialen Schichten gesprochen. Für diese Ränge und die entsprechenden Gehaltsstufen wurden auch mit Hilfe von KI genaue und objektive Kriterien ermittelt. Beispielsweise verdient ein Offizier (höherer Rang der Verantwortung nach) mehr als ein Soldat (niedrigerer Rang), obwohl anders ein Maurer mehr als ein Soldat erhält, weil dieser in einer meist friedlichen Welt ein geringeres Verletzungsrisiko als ein Maurer hat. Ein Kellner wiederum gehört zu einem noch etwas niedrigeren Rang, weil bei ihm weder die Verantwortung, das Verletzungsrisiko und die gesellschaftliche Relevanz der Tätigkeit sehr hoch sind – usw. Eine gewisse Skepsis bleibt bei manchem Bürger angesichts dieses tiefgreifenden Einflusses hochkomplexer künstlich-intelligenter Maßstäbe und Prozesse nicht aus.

Ferner wünschen sich einige mehr individuelle Freiheiten, etwa nach der Abschaffung von Privatautos, wenngleich allen ein sehr gut ausgebauter und kostenloser Öffentlicher Personennahverkehr auch mit kleinen, autonom gesteuerten Fahrzeugen zur Verfügung steht.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Im Interment

 Handelnde Personen:  

  • Der Intermentspräsident  
  • Erster Intermentarier  
  • Zweiter Intermentarier  
  • Dritter Intermentarier  
  • Weitere Intermentarier  

Es tagt das Interment. Mehr als 90 % der gewählten Intermentarier sind anwesend. Damit ist die Sitzung rechtskräftig. Der Präsident tritt ans Rednerpult in der Mitte des Plenarsaals, alle Intermentarier erheben sich.

Intermentspräsident (feierlich): Guten Tag zu unserer Sitzung des Interments! Heute sind wieder einige Gesetzesvorschläge über das Internet hereingekommen, über deren Güte wir nun diskutieren und abstimmen wollen. Bitte setzen Sie sich!

Alle setzen sich.

Präsident: Der erste Gesetzesvorschlag kommt von unseren Wirtschaftsweisen und soll Teil eines Konjunkturpakets sein. Er lautet: Steuern abschaffen für die niedrigeren Ränge. Was halten Sie davon?

Die Sitzungsteilnehmer, die sich zu Wort melden wollen, stellen ein Redegesuch über ein Mini-Display an ihrem Stuhl. Der Präsident registriert die Redegesuche auf dem großen Display seines Pultes, über das er den Redewilligen nacheinander das Wort erteilt.

Präsident: Bitte!

1. Intermentarier (enthusiastisch): Das ist absolut untragbar! Das können wir nicht machen, weil es ganz klar gegen unsere Verfassung verstößt.

Präsident: Und Sie?

2. Intermentarier (besonnen): Das können wir überhaupt nicht durchbringen, das würde die Gesellschaft spalten. Alle müssen nach dem Gleichheitsgrundsatz Steuern zahlen, und zwar den gleichen Prozentsatz ihres jeweiligen Einkommens, das sich nach ihrem Rang richtet.

Präsident (nüchtern): Ok! Also kommen wir nun zur Abstimmung. Wer ist dafür? Wer ist dagegen?

Alle Intermentarier geben ihre Stimme über ihre Displays ab. Der Präsident präsentiert das Gesamtergebnis von seinem Bildschirm.

Präsident: Eindeutig, dieser Vorschlag wird nicht zum Volksentscheid zugelassen. – Der zweite Gesetzesvorschlag kommt von unseren Wirtschaftsprüfern und soll die hohe Staatsverschuldung mindern. Er lautet: Kostenlose Verkehrsmittel nur noch für die fünf ersten, niederen Ränge! Wie ist Ihre Meinung dazu?

Wieder nutzen die Abgeordneten das digitale Voting-System. Der Präsident erteilt das Wort.

Präsident: Ja!

3. Intermentarier (eifrig): Das können wir nicht machten! Der Verkehr ist ja für alle kostenlos und ich denke, das muss so bleiben. Sonst gäbe es Beschwerden aus den anderen Rängen.

Präsident: Ok. Noch andere Einwände?

1. Intermentarier: Das ist tatsächlich eine ziemlich schlechte Idee, da dies ebenfalls eine große soziale Ungerechtigkeit bedeuten würde.

Präsident: Ok. Also kommen wir wieder zur Abstimmung. Wer ist dafür? Wer ist dagegen?

Erneut liest der Präsident die Stimmen aus.

Präsident: Eindeutig, dieser Vorschlag wird ebenfalls nicht zum Volksentscheid zugelassen. – Der dritte Gesetzesvorschlag kommt aus den niederen Rängen. Sie wollen Cannabis legalisieren lassen. Gibt es hierzu Wortmeldungen? – Nein. Dann schreiten wir also gleich zur Abstimmung. Wer ist dafür? Wer ist dagegen?

Der Präsident sieht das Abstimmungsergebnis auf seinem Display und muss ein wenig schmunzeln.

Präsident: Das Ergebnis ist eindeutig. Alle haben für diesen Gesetzesvorschlag gestimmt, den wir somit zum Volksentscheid freigeben.

Im Saal ertönt großer Applaus.

Präsident: Gibt es sonstige zu erörternde Fragen? (wartet einen Moment) Nein, ok. Hiermit schließe ich unsere heutige Sitzung. Bis morgen!

Wieder ertönt Applaus.


2. Akt: In einer Schule

 Handelnde Personen:  

  • Klassenlehrer  
  • Justus – ein strebsamer Schüler  
  • Peter – der Klassenclown  
  • Christian – der Neue  
  • Drei weitere Schüler  

An einem Gymnasium betritt ein Lehrer seinen Klassenraum. Fünf Schüler stehen wartend hinter ihren Stühlen, die sich um einen U-förmigen Tisch, in den mehrere Displays eingelassen sind, gruppieren.

Lehrer: Bitte alle setzen!

Alle Schüler (sich setzend): Danke!

Lehrer: So, heute ist der erste Schultag.

Justus: Wir sind gespannt!

Der Lehrer blickt prüfend ins digitale Klassenbuch auf dem Display seines Lehrertischs.

Lehrer: Hmm, wir müssen doch eigentlich sechs Schüler sein?! Wo ist denn der Neue?

Es klopft an der Tür und ein sehr schwergewichtiger Schüler tritt ein.

Der Neue (ganz außer Atem): Entschuldigung!

Lehrer: Guten Tag! Wie ist Ihr Name?

Der Neue (heiser): Christian Yogi. Puh, ich bin die Treppen hochgelaufen, hat ’n bisschen länger gedauert.

Lehrer (mit skeptischen Blick): Und wieso?

Christian: Der Fahrstuhl wollte mich nicht hochziehen.

Alle lachen.

Peter (kichernd): Hihi, die intelligente Fahrstuhlsteuerung!

Lehrer (mit strengem Blick): Psst! (freundlich zu Christian) Setzen Sie sich bitte!

Christian (seufzend): Danke!

Der Neue nimmt etwas unbeholfen auf dem letzten freien Stuhl Platz und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die anderen kichern wieder, während sie ihn beobachten.

Lehrer: Ruhe! – Wie gesagt, heute ist der erste Schultag. Sie sind jetzt in der 12. Klasse und ich werde Sie erneut als Klassenlehrer unterrichten und betreuen. (mit gewichtigem Ton) Aber ab diesem Schuljahr gibt es eine wesentliche Neuerung. Wir schreiben natürlich wieder einige Klassenarbeiten, doch diese werden ab sofort nur noch von einer Künstlichen Intelligenz korrigiert und ausgewertet.

Die Schüler scheinen nicht sehr überrascht.

Lehrer: Hat jemand Fragen dazu?

Zunächst meldet niemand über sein Display Interesse an einer Frage an.

Lehrer (auf sein Display schauend): Hmm, wirklich keine Fragen? Nicht, dass Sie später mit mir diskutieren! (Das Display zeigt einige Wortmeldungen.) Justus!

Justus: Ja warum ist das so?

Lehrer (sichtlich nach den richtigen Worten für eine Erklärung suchend): Ja nun, äh – damit die Arbeiten akkurat und fair korrigiert werden und ich somit nicht den einen besser und den anderen schlechter bewerte.

Peter (kleinlaut): Aber können Sie garantieren, dass an diesem System keine Manipulationen vorgenommen werden?

Lehrer (verunsichert): Äh, ja natürlich! Da kommt wohl die modernste und sicherste Technik zum Einsatz. Da lässt sich bestimmt nichts manipulieren.

Peter (verschmitzt) : Ah ja!

Lehrer (zunehmend ungeduldig): Gibt es noch Fragen oder Einwände? (ohne das Echo der Schüler abzuwarten) Keine! Das reicht ja auch für den ersten Schultag. Sie wissen so weit alles und ich wünsche Ihnen noch einen guten Heimweg. Vielleicht sehen wir uns im Zug… Auf Wiedersehen!

Alle Schüler: Auf Wiedersehen!

Die Schüler verlassen zügig und laut den Klassenraum, der Neue trottet hinterher.