Die Vereinte Erde

Zeitreise-Berichte einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern (Klassenstufe 9 bis 11) des Reclam-Gymnasiums in Leipzig vom 28. bis zum 29. Januar 2020


Wir schreiben das Jahr 2040. Die ganze Erde bildet ein einziges politisches demokratisches System, die „Vereinte Erde“. Ein Weltparlament trifft die großen zukunftsweisenden Entscheidungen der Menschheit. Dieses Parlament setzt sich aus gewählten Abgeordneten der Kontinents-Parlamente zusammen. Die Amtssprache in dieser Weltföderation ist Englisch.

Die Gesellschaft ist offen und wird nach einer Reihe von grundlegenden Werten gestaltet. Diese Werte bilden die individuelle freie Entfaltung jeder Person, Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle und kulturelle Offenheit.

In dieser Weltdemokratie arbeiten alle zusammen. Die großen Probleme der Vergangenheit sind gelöst: Interkulturelle oder religiöse Konflikte sind wegen des neuen Gemeinschaftsgefühls aller Menschen undenkbar geworden. Weltumspannende umweltfreundliche Magnetschwebebahnen ermöglichen allen Menschen einen regen kulturellen Austausch.

Die stark weiterentwickelte Technik hat auch viele der alten Probleme beseitigen können: Umwelt- und Klimafragen konnten durch neue Technologien zufriedenstellend beantwortet werden. Konflikte um Ressourcen sind unnötig geworden, da neue Produktionsverfahren Nahrung, Wasser und umweltfreundliche Energieträger mit minimalem Aufwand herstellen können. Roboter haben die anstrengende Arbeit übernommen und die Menschheit hat inzwischen begonnen, andere Himmelskörper zu besiedeln.

Die Menschen blicken voller Zuversicht in die Zukunft.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: In der Schule

 Handelnde Personen:  

  • Klara – Schülerin  
  • Mitschüler und -schülerinnen  

Klara betritt die Klasse. Alle Schüler und Schülerinnen haben ein Hologramm vor sich in der Luft. Auf diesem Hologramm drücken und wischen sie in unterschiedlichem Tempo: manche langsamer, manche schneller.

Klara (schaltet ihr Hologramm ein): Ach, Geschichte. Das ist ja überhaupt nicht mein Lieblingsfach. (seufzt) Na gut. Schaue ich mal 20 Jahre zurück, ist ja auch „Geschichte“. Nanu, was ist das denn?… Oha, was haben die denn da in der Schule gemacht? Keine individuelle Förderung? Klassenzimmer? Frontalunterricht? Was ist das denn? Muss ich erstmal nachschauen.

Klara (berührt das Hologramm): Ah, da steht ein Lehrer vorne und alle sitzen vor ihm. Ist ja komisch, wie soll das denn funktionieren? (nach einer kurzen Pause) Okay, verrückt. Bin ich froh, dass ich heute, im Jahr 2040, lebe. Mit individuellem Unterricht, und ich kann Pause machen, wann ich will, und der Lehrplan ist perfekt auf mich abgestimmt.

Klara (legt die Stirn in Falten) Ist schon anstrengend teilweise. Aber wenn man gefördert werden will, muss man halt auch gefordert werden. (nachdenklich) Hm. Verrückt, wie haben die das damals nur gemacht. Die mussten eine große Prüfung ablegen? Gott, das kann ich mir nicht vorstellen. Ach du meine Güte. „Abitur“ und „Burn Out“? So was würde es heutzutage nicht mehr geben. So viel Stress! Das kann doch nicht gesund sein. Naja, ein Glück ist 2040.

Klara beendet den Geschichtsunterricht und geht erst einmal in die Pause.


2. Akt: Auf der Straße

 Handelnde Personen:  

  • Mohammed  
  • Christian  

Zwei alte Freunde treffen sich auf der Straße und begrüßen sich.

Christian: Mensch, Mohammed, lange nicht gesehen.

Mohammed: Ja, Christian, viel zu lange. Wie geht es dir? Alles gut?

Christian (strahlend): Alles top, ich komme gerade aus meinem Familienurlaub zurück. Alles prächtig. Wo willst du gerade hin?

Mohammed: Zum Freitagsgebet. Da treffe ich immer viele Freunde, danach wollen wir noch etwas essen gehen. Willst du nicht mitkommen?

Christian (nachdenklich): Ja stimmt, das wollte ich mir immer schon einmal anschauen. Kann ich da als Christ denn einfach mit?

Mohammed: Natürlich, wir sind doch alle Brüder. Egal, welcher Gott oder ob überhaupt ein Gott. Mein guter Freund Wladimir ist Atheist und kommt trotzdem immer zum Freitagsgebet. Er sagt, das helfe ihm bei der seelischen Balance. Und unser Imam ist auch wirklich toll. Der wird dir gefallen!

Christian: Okay, dann komme ich mit. Ich bin sehr gespannt. Willst du dann vielleicht am Sonntag mal zu uns in die Messe kommen?

Mohammed: Sehr gerne, abgemacht. Also los, wir wollen nicht zu spät kommen.

Die beiden gehen sich fröhlich unterhaltend zur Moschee.


3. Akt: Im Parlament

 Handelnde Personen:  

  • Adam Kilter – Politiker  
  • Johanna Köblinz – Politikerin  

Anlässlich der alljährlichen Ansprache zur Lage der Gesellschaft erscheinen der Politiker Adam Kilter und die Politikerin Johanna Köblinz gemeinsam vor dem Rednerpult.

Adam Kilter: Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, sehr geehrte Zuhörerschaft. Am heutigen Tag liegt es mir insbesondere am Herzen, die Erfolge darzulegen, die durch das bereits über zwölfjährige Bestehen unserer Weltpolitik ermöglicht wurden. Ich bitte Sie, sich vor Augen zu führen, welchen Wohlstand, ob materiell oder geistig, wir uns als Menschheit selbst erarbeitet haben. (zeigt mit seinen Armen in einer großen Geste einmal um sich) Der Kommunismus war schon immer ein schwer umstrittenes System, welches in früheren Formen mehrmals scheitern musste. Und das zu Recht, meine Damen und Herren. Keine Menschenopfer rechtfertigen ein politisches System! Dennoch haben wir es nun gemeinsam geschafft, die ursprüngliche Idee zu revolutionieren und darauf ein neues System, eine echte Demokratie, aufzubauen, die alles bisher Dagewesene übertrifft.

Johanna Köblinz: Viele technische Errungenschaften, von denen man bis vor zwanzig Jahren höchstens träumen konnte, sind heute selbstverständlich. Zum Beispiel, dass eine künstliche Intelligenz alltagstauglich und für alle Bürger nützlich wird. Dass sie die Grundlage für unser gesamtes Schulsystem bildet. Oder denken Sie an die Magnetschwebebahnen, die den Waren- und Personentransport um 80 % gesteigert und damit die Wirtschaft enorm angekurbelt haben.

Adam Kilter: Wir dürfen bei all dem keineswegs vergessen, wem all das zu verdanken ist. Zunächst möchte ich mich selbstverständlich beim Volk bedanken, welches so tolerant und eng zusammenarbeitet wie niemals zuvor. Ohne dieses Maß an bürgerlichem Engagement wären wir heute nicht, wo wir sind. Dennoch möchte ich auch die Arbeit der „Partei“ hervorheben, welcher die Mehrheit des Volkes bereits über Jahre ihre Stimme gibt. Und, hat es sich gelohnt? War all das die richtige Entscheidung? Ist unsere Partei ein wichtiger Bestandteil der progressiven Weltpolitik, welche mit Weisheit und Gerechtigkeit unsere Zukunft gestaltet? (mit sanfter Stimme) Meine Damen und Herren, ich denke, wir alle können auf diese Fragen guten Gewissens sagen: Ja.

Die beiden treten unter Applaus ab.