Wiederwahl um jeden Preis

Zeitreise-Berichte einer 9. Klasse des Julius-Motteler-Gymnasiums in Crimmitschau am 9. Januar 2020

Die folgende Live-Schaltung aus dem Jahr 2040 entstand am Julius-Motteler-Gymnasium in Crimmitschau, baut aber auf einem Gesellschaftsentwurf einer 10. Klasse am BIP Kreativitätsgymnasium auf.

In Deutschland herrscht eine scheinbar friedliche Demokratie. Regiert wird das Land von der FDD, deren Vertreter sich „Freie Demokraten Deutschlands“ nennen. Unter der Oberfläche zeigt der Staat sein wahres Gesicht: eine von Medien und Propaganda vertuschte Diktatur, eine Welt voller Ungerechtigkeit als Ergebnis eines entgrenzten Kapitalismus. Durch gleiche Steuern für alle ist das System des schnellen Mehrwerts auf seine extremste Stufe gehoben.

Städte teilen sich strikt in Ghettos und Luxusviertel. Während die Innenbezirke und die reichen Gegenden voller Leben und den neuesten Technologien geprägt sind, reihen sich um diese schöne, neue Welt völlig heruntergekommene Slums. Die abgehängte Bevölkerung ist von der wohlhabenden Schicht vollkommen abhängig. Über schlecht entlohnte und körperlich anstrengende Jobs im Niedriglohnsektor kann sich die untere Kaste der Bevölkerung gerade so über Wasser halten. Der Mindestlohn wurde ebenso wie sämtliche soziale Sicherungssysteme abgeschafft.

Von „Chancengleichheit“ kann keine Rede sein. Für den nicht privilegierten Teil der Bevölkerung ist der Hauptschulabschluss die einzige Möglichkeit, sich mit schlecht bezahlten Handwerks- oder Ausbildungsberufen eine „Zukunft“ zu sichern. Fortschritte im Gesundheitswesen werden medial „gehypt“, Misserfolge über raffinierte Propaganda schöngeredet. Auffällig ist, dass sich kaum Protest im Land regt. Jeder ist sich selbst der nächste. Wer sich gegen die FDD stellt, dem droht der Entzug der Arbeitserlaubnis. Diese Maßnahme hat sich als ein effektives politisches „Steuerungsinstrument“ bewährt, da es für die Betroffenen den gesellschaftlichen Ruin bedeutet.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Wahlkampfbüro der Partei FDD

 Handelnde Personen:

  • Parteichefin  
  • Wahlkampfleiterin  
  • Verteidigungsministerin  
  • Offizier Lehm  

Die wichtigsten Köpfe der Partei FDD treffen sich zu einer Notfallsitzung, um die Aussichten bei der nächsten Wahl zu besprechen.

Parteichefin: Meine lieben Parteifreunde! Willkommen zur Notfallsitzung der Partei. Die arme Bevölkerungsschicht wird immer aufmüpfiger, es kommt schon vereinzelt zu Angriffen auf die Reichen. Das ist höchst problematisch, da wir in zwei Monaten die Wahlen haben. Was sind Ihre Vorschläge?

Wahlkampfleiterin: Wenn wir dieses System und unsere Macht erhalten wollen, müssen wir Arm und Reich strikt trennen. Am besten eignet sich dafür eine Mauer.

Parteichefin: Eine sehr gute Idee. Aber wie schützen wir diese Mauer?

Verteidigungsministerin: Ich schlage vor, dass wir uns vom Militär etwa 3000 Kampfroboter ausleihen, die die Mauer schützen werden.

Wahlkampfleiterin: Diese Idee hatte ich auch schon. Deshalb habe ich direkt Offizier Lehm eingeladen, den Koordinator der Waffenproduktion. (ruft ihm zu) Kommen Sie bitte herein, Herr Lehm.

Offizier Lehm tritt ein.

Parteichefin: Herzlich willkommen, setzen Sie sich. Kommen wir direkt zum Punkt: Können Sie uns 3.000 Kampfroboter zum Schutz unserer zukünftigen Mauer leihen?

Verteidigungsministerin: Denken Sie daran, Ihr Job könnte von Ihrer Antwort abhängen.

Offizier Lehm (zögerlich): Wir werden Ihnen diese Roboter zur Verfügung stellen. Allerdings haben wir ein kleines Problem bei der Produktion.

Verteidigungsministerin: Darum werde ich mich persönlich kümmern, Frau Parteichefin. Machen Sie sich keine Sorgen.

Parteichefin (zur Verteidigungsministerin): Sehr gut, vielen Dank. (an alle) Jetzt zur Wahl an sich: Hat noch jemand Vorschläge?

Wahlkampfleiterin: Ich denke, wir sollten an den Wahlzetteln ansetzen: Mehr herstellen, als nötig wären. So können wir uns im Notfall einen kleinen Vorteil verschaffen.

Parteichefin: Sie haben wohl Recht. Wenn ich an meine erste Wahl zurückdenke, da war das alles noch anders. Damals waren noch so viele Leute für mich und unser System. Jetzt sind plötzlich alle dagegen. Wird wohl an der hohen Mehrwertsteuer liegen… Aber das ist auf jeden Fall eine sehr gute Idee mit den Wahlzetteln. Ich werde den zusätzlichen Druck veranlassen. Damit ist die Notfallsitzung abgeschlossen. Schönen Tag noch!

Alle verlassen den Raum, nur die Parteichefin bleibt an ihrem Platz sitzen und macht sich mit einem zufriedenen Gesicht weiter Notizen.


2. Akt: In der Roboterfabrik

 Handelnde Personen:

  • Verteidigungsministerin  
  • Produktionsleiter  
  • Konfliktlöse-Roboter  
  • Kampfroboter  

Die Verteidigungsministerin besucht die Roboterfabrik, um dem von Offizier Lehm angesprochenen Problem nachzugehen und die Produktion der benötigten Kampfroboter sicherzustellen.

Verteidigungsministerin: Guten Tag! Ich wurde hergeschickt, um mir die Produktion Ihrer Roboter anzusehen. Wie läuft es in Ihrer Fabrik?

Produktionsleiter: Schönen guten Tag, ich bin hier der Produktionsleiter. Ich habe die Ehre, Ihnen alles zu zeigen. Dies ist eines unserer neuesten Konfliktlöse-Modelle.

Konfliktlöse-Roboter (mit monotoner, gefühlsloser Stimme): Hallo, ich bin BP-8.

Verteidigungsministerin: Ich werde Ihnen eine Frage stellen. Was ist die derzeitige Herrschaftsform?

Konfliktlöse-Roboter: Ergebnis wird berechnet. (kurze Pause) Wir leben in einer Diktatur. (der Produktionsleiter drückt hektisch ein paar Knöpfe) Wir leben in einer Demokratie.

Verteidigungsministerin (ärgerlich): Das darf nicht noch einmal vorkommen. Kontrollieren Sie alle Roboter.

Produktionsleiter (peinlich berührt): Natürlich, sofort. (geht schnell zum nächsten Roboter) Und das ist unsere neue Kampfmaschine.

Kampfroboter: Zu Befehl! Wen soll ich beschützen?

Verteidigungsministerin: Sie werden eine Mauer beschützen. Jede arme Person, die versucht, über diese Mauer zu kommen, wird von Ihnen umgehend liquidiert.

Kampfroboter: Zu Befehl, Sir.

Verteidigungsministerin: Die Militärroboter sind gut so. Produzieren Sie noch weitere 3.000.

Produktionsleiter (erleichtert): Das werden wir.

Zufrieden setzen sie die Führung fort.


3. Akt: Auf der Straße

 Handelnde Personen:  

  • Mutter  
  • Kind  
  • Arbeiterin  
  • Arbeiter

Eine Mutter und ein Kind aus der reichen Bevölkerungsschicht möchten Einkaufen gehen.

Mutter: Komm, Schatz, wir gehen in die Stadt, du brauchst neue Schuhe.

Kind: Danke, Mama.

Sie kommen an zwei Arbeitern aus der armen Bevölkerungsschicht vorbei, die auf einer Parkbank sitzen.

Mutter: Ach, wen haben wir denn da? Der herumlungernde Straßenabfall!

Arbeiter: Meint die uns?

Mutter: Na, wen sonst? Seht ihr noch jemanden?

Kind: Mama, sei doch nicht so beleidigend.

Arbeiterin (empört): Wie können Sie nur von uns so reden? Wir arbeiten den ganzen Tag, zehn Stunden!

Mutter: Ach ja? Was habt ihr denn gerade gemacht? Herumgelungert auf der Straße habt ihr, und Dreck produziert!

Arbeiter: Wann arbeiten Sie denn?

Mutter: Wir arbeiten jeden Tag. Wir machen nur die Sachen, von denen Sie nichts verstehen. Sie haben ja nicht mal Bildung.

Arbeiterin: Das ist überhaupt nicht fair! Wir leben in einer Diktatur und nicht in der vorgegeben Demokratie. Wir werden total hereingelegt. Die Regierung lügt uns an!

Mutter (verdreht die Augen): Die spinnt doch! Wir leben in einer Demokratie, das ist doch wohl offensichtlich!

Arbeiter: Von wegen! Schauen Sie sich doch einmal das Dorf an. Keiner hier arbeitet zum Mindestlohn. Wir bekommen einen Euro am Tag. Das ist viel zu wenig!

Mutter: Tja, dann müsst ihr mal ein bisschen mehr arbeiten. (Faucht die beiden Arbeiter an, die ihr zu nah gekommen sind) Fasst mich nicht an! Der Mantel ist neu, da will ich euren Dreck nicht drauf haben!

Kind: Mama, beruhige dich.

Ein Konfliktlöse-Roboter wird auf den Lärm aufmerksam und eilt herbei.

Konfliktlöse-Roboter: Entdecke Konfliktsituation. Ich bin ein Roboter, der Konflikte löst.

Mutter: Das finde ich gut. Schaffen Sie diesen Abfall hier weg.

Arbeiter: Sie haben uns gar nichts zu sagen!

Konfliktlöse-Roboter: Meine Aufgabe ist es, Konflikte zu lösen. Bitte beruhigen Sie sich. Worin liegt Ihr Problem?

Mutter: Das wird mir zu dumm, das kann man sich ja nicht anhören. Komm, wir gehen.

Beim Weggehen schlägt die Mutter mit ihrem Spazierstock dem Roboter von hinten gehässig auf den Kopf. Der Roboter gerät ins Wanken und murmelt unverständliche Geräusche. Mutter und Kind machen sich auf den Weg nach Hause.

Kind (beim Davongehen): Aber irgendwie bin ich schon verwirrt. Was haben wir denn jetzt für eine Gesellschaftsform?

Konfliktlöse-Roboter: Ergebnis wird berechnet. (kurze Pause) Wir leben in einer Diktatur.