Die soziale Demokratie

Ich steige aus der Zeitmaschine, die mich ins Jahr 2040 katapultiert hat, und schaue mich vorsichtig um. Auf der Straße herrscht Tumult – und das nur unweit von meinem alten Schulgebäude. Vermummte Menschen schießen aufeinander, während Roboter dazwischen gehen. Da die Warnungen der Roboter keine Wirkung zeigen, eröffnen sie mit ihren Elektroschockern das Feuer auf die Menschen. Nach kurzer Zeit bleiben nur noch die Roboter stehen. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und warte, bis sich die Lage beruhigt.

Im Laufe des Tages habe ich mir einen Überblick über den Zustand unserer Gesellschaft im Jahr 2040 gemacht, und ich denke, dass ich nun nach zahlreichen Gesprächen und Blicke in die Zeitungen eine ziemlich genaue Vorstellung habe: Vor einigen Jahren gründete sich eine kleine Partei mit einem sympathischen und redegewandten Anführer: Neb Mannhof. Dieser versprach den Menschen eine gerechtere Gesellschaft. Nachdem seine Sozialgerechte Partei (SGP) die Wahlen gewonnen hatte, sorgte er in einer Regierungskoalition für einige Beschlüsse, die viele Menschen im Land überzeugten. Dadurch bekam er viel Zulauf unter den Wählern, sodass er schließlich in Neuwahlen die absolute Mehrheit errang und nun „durchregieren“ kann.

Im Rückblick waren diese Wahlen im Jahr 2033 der Anfang vom Ende. Wenig später ließ Neb Mannhof das kontroverseste Gesetz der letzten Jahrzehnte verabschieden: Das sogenannte Allgemeine Umverteilungsgesetz (AUG). Dieses legt fest, dass im Namen einer gesellschaftlichen Gerechtigkeit Vielverdiener ihren Reichtum mit Wenigverdienern fast komplett teilen müssen, damit alle Menschen in den Genuss derselben Lebensbedingungen kommen. Gleichzeitig wurden Parteien, die sich dagegen aussprachen, mit sofortiger Wirkung verboten. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie den sozialen Frieden und damit das Fundament der neuen „sozialen Demokratie“ gefährden, die schließlich wehrhaft bleiben müsse.

Diese Sozialreform sorgt für Unmut bei den Bessergestellten: Warum sollten sie sich abrackern, nur um dann ihr Geld an Mitmenschen abzugeben, die sich einer geregelten Arbeit verweigern? In den Villenvierteln lästern die Menschen nicht nur über „die Partei“, auch abfällige Worte über die (angeblich) arbeitsunwilligen „Almosensammler“ hört man vielerorts. Das bleibt natürlich den Wenigverdienern nicht verborgen, die schon seit Jahren eine fairere Wohlstandsverteilung fordern und sich ungerecht behandelt fühlen.

Die gegenseitigen Anfeindungen auf der Straße führen dazu, dass sich aber auch unter den ärmeren Schichten zunehmend Zweifel an der neuen Politik von Neb Mannhof mehren, ob die neue Soziale Demokratie wirklich so gut ist, wie sie verspricht. Es geht die Rede von einer Revolution um.

Mit einem mulmigen Gefühl betrete ich wieder meine Zeitmaschine und kehre mit einiger Sorge vor meiner Zukunft ins Jahr 2019 zurück. Wo werde ich wohl in dieser künftigen Gesellschaft stehen und werde ich einmal ein erfülltes Leben führen können?



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Auf dem Marktplatz

 Handelnde Personen:

  • Neb Mannhof – Bundeskanzler  
  • Demonstranten  
  • Reporter  

Auf dem Marktplatz ist eine Kundgebung des Bundeskanzerls Neb Mannhof angekündigt, doch abgesehen von einzelnen Anhängern finden sich Hunderte von Gegendemonstranten. Neb Mannhof erscheint auf der Bühne und nimmt ein Mikrophon in die Hand.

Demonstranten: Buhhhh! Buhhhh!

Neb Mannhof: Liebe Mitbürger…

Demonstranten: Buhhhh! Buhhhh!

Neb Mannhof: … und Mitbürgerinnen! Wir haben uns heute hier versammelt, um den fünften…

Demonstranten: Buhhhh! Buhhhh!

Neb Mannhof: … Jahrestag des Allgemeinen Umverteilungsgesetzes zu feiern,…

Demonstranten (in Sprechchören): Wir sagen Nee zur SWP! Wir sagen Nee zur SWP! Wir sagen Nee zur SWP!

Neb Mannhof: … das wir damals…

Demonstranten: Wir sagen Nee zur SWP! Wir sagen Nee zur SWP! Wir sagen Nee zur SWP!

Neb Mannhof: … mit einer absoluten Mehrheit verabschiedet haben. Das neue Gesetz ist die zentrale Errungenschaft in einer neuen Ära.

Demonstranten: Buhhhh! Buhhhh!

Neb Mannhof: Das Allgemeine Umverteilungsgesetz sieht vor, dass für Vielverdiener ein hoher Steuersatz gilt,…

Demonstranten: Wir sagen Nee zur SWP! Wir sagen Nee zur SWP! Wir sagen Nee zur SWP!

Neb Mannhof: … der den Wenigverdienern zugute kommt. (wirkt durch die ständigen Provokationen und Zwischenrufe der Demonstranten zunehmend gereizt) Und doch sehe ich hier – selbst in den Reihen unserer Zuschauer – Leute, die an diesem Gesetz zweifeln. Die an dem Wert der Gerechtigkeit zweifeln. Und deswegen bitte ich euch,…

Demonstranten: Buhhhh! Buhhhh!

Neb Mannhof (schreit immer lauter): … lasst euch nicht von diesen Leute ablenken! Lasst euch nicht von ihnen überzeugen, sondern glaubt an die Gerechtigkeit! Danke!

Demonstranten: Buhhhh! Buhhhh!

Reporter: Was sagen Sie zu den ganzen Demonstranten hier?

Neb Mannhof ist sichtlich verärgert über die Gegendemonstranten, schiebt den Reporter zur Seite und geht zu seiner Limousine.


2. Akt: Zu Hause bei den Steinreichs

 Handelnde Personen:

  • Manuela – Ehefrau  
  • Stephan – Ehemann  
  • Alexa  
  • Nachrichtensprecher  

Manuela und Stephan Steinreich lassen sich in ihre Wassersofas sinken und schauen auf ihren 3-D-Fernseher.

Manuela: Alexa, mach die Nachrichten an!

Ein 3-D-Bild wird in die Raummitte projiziert, der Nachrichtensprecher steht mitten im Raum und schaut Stephan an.

Nachrichtensprecher: Die aktuellen Nachrichten. Auf der Willmuthstraße kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der SWP und den Konservativen.

Manuela (mit geballter Faust): Das hat er verdient!

Nachrichtensprecher: Bundeskanzler Neb Mannhof hielt heute eine Rede zum fünften Jahrestag des Allgemeinen Umverteilungsgesetzes.

Manuela: Dass das schon fünf Jahre her ist!

Nachrichtensprecher: Dabei kam es sowohl zu Anfeindungen als auch Beleidigungen gegen ihn. Es wurden polizeiliche Ermittlungen aufgenommen. Das waren die aktuellen Themen für Dienstag, den 13. August 2040.

Manuela: Och nee, langsam kann ich das nicht mehr ertragen. Wir müssen fast unser ganzes Geld abgeben.

Stephan: Aber Schatz, so helfen wir den Armen!

Manuela: Ja, das ist doch nicht mein Problem. Wenn die kein Geld haben, weil sie nicht arbeiten gehen…

Stephan: Manu, daran können wir auch nichts ändern. Das hat uns Neb Mannhof einbrockt.

Manuela: Stell dir vor, unsere Kinder werden sich später denken: Wofür arbeite ich, wenn ich mein ganzes Geld abgeben muss. Und dann gibt es keinen mehr, der arbeitet, und alle hoffen, dass sie von irgendjemandem Geld bekommen. Das ist doch zu kurzfristig gedacht!

Stephan: Das bringt jetzt nichts. Was willst du denn machen?

Manuela: Aber das ist doch unfair.

Die beiden reden noch über die guten alten Zeiten und wie leicht das Leben ohne das Allgemeine Umverteilungsgesetz sein würde, bis ihr Sohn nach Hause kommt und sie das Thema wechseln.


3. Akt: Zu Hause bei den Kläglichs

 Handelnde Personen:

  • Torsten – Ehemann  
  • Janine – Ehefrau  
  • Alexa  
  • Nachrichtensprecher  

Torsten und Janine schließen die Wohnungstür auf und schalten Alexa ein.

Alexa: Sie brauchen ein Update. Die installierte Version ist aus dem Jahr 2030.

Torsten: Oh man, Alexa! Keine Installation einer neuen Version!

Alexa: Gerne. Was kann ich tun?

Janine: Keine neue Version. Pah. Wer kann sich die bitte heute noch leisten?

Torsten (etwas gereizt): Ach Janine, lass doch. Alexa, die aktuellen Nachrichten!

Ein Flachbildfernseher schaltet sich ein, das Bild flimmert ein wenig und ein Nachrichtensprecher erscheint auf dem Bildschirm.

Nachrichtensprecher: Die aktuellen Nachrichten. Auf der Willmuthstraße kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der SWP und den Konservativen.

Torsten: Hörst Du das?

Janine: Nicht gut.

Torsten: Können die mal damit aufhören? Das ist echt nervig!

Alexa: Bundeskanzler Neb Mannhof hielt heute eine Rede zum fünften Jahrestag des Allgemeinen Umverteilungsgesetzes. Dabei kam es sowohl zu Anfeindungen als auch Beleidigungen gegen ihn. Es wurden polizeiliche Ermittlungen aufgenommen. Das waren die aktuellen Themen für Dienstag, den 13. August 2040.

Janine: Also, ganz ehrlich, das hat er auch verdient.

Torsten: Echt? Ich verstehe das nicht, Janine, warum die Leute auf die Straße gehen. Wir als die Armen kriegen jetzt Geld von den Reichen, warum sollen wir uns denn noch beschweren?

Janine: Ja, klar, wir können uns jetzt vielleicht mehr Essen leisten, aber wir können uns trotzdem kaum etwas leisten, die Wohnung müsste dringend renoviert werden. Von einem Alexa-Update rede ich gar nicht.

Torsten: Die Ausschreitungen gegen Neb Mannhof beunruhigen mich trotzdem. Ich denke aber, dass der Mannhof das regeln wird.

Janine: Glaub ich nicht. Der Mannhof…

Torsten: Aber denke doch mal an die positiven Seiten! Mit dem ganzen Geld können wir unsere Kinder auf moderne Schulen schicken und sie lernen dort mit den neusten Lernmethoden. Vielleicht werden unsere Kinder auch mal reich und müssen nicht so leben wie wir.

Janine: Aber momentan müssen unsere Kinder in so (zeigt um sich) einer Wohnung leben.

Torsten: Ja, dafür sorgt der Mannhof schon. Da bin ich mir ganz sicher.

Janine: Hm, ich weiß ja nicht…

Torsten: So, ich kriege einen Anruf rein. Ich muss zur Spätschicht los.

Er rennt raus, springt auf sein Fahrrad und fängt an zu telefonieren. Seine Frau schaut ihm kopfschüttelnd hinterher.