Capital of Life

Ein Zeitreisebericht aus dem BSZ Delitzsch vom 27. bis 28. Juni 2019

Das Wetter ist heiß und es gibt nur künstlichen Regen. Die Versteppung wird außerhalb der Stadt immer größer. So ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen, um in den Genuss des „Regens“ zu kommen. So bildet sich ein urbaner Großraum zwischen Leipzig und Dresden, den die Menschen meist neudeutsch „Capital of life“ nennen. Tiere gibt es nur noch wenige – die uns bekannten Nutztiere findet man meist nur im Zoo. Daher wird Nahrung vor allem künstlich im Reagenzglas hergestellt.

Den neuen Regierungschef nennen die Menschen oft nur „The Master“ – in Anlehnung an die neue digitale Währung „Mastercoin“, die Ausdruck des neuen politisch-ökonomischen Systems sind. The Master – nur die politisch Interessierten erinnern sich noch an seinen bürgerlichen Namen – genießt allgemeine Anerkennung, hat er doch überzeugende Antworten auf den sich zuspitzenden Klimawandel gefunden und (scheinbar) Politik für jedermann gemacht:

Es herrscht eine Scheindemokratie, in der die Reichen den „Master“ bestechen, während die Armen nichts von den Reichen wissen. Die Armen mögen die Regierung, da sie nichts von den Reichen und der Korruption wissen und sie von der Regierung kostenlos Roboter zur alltäglichen Arbeitserleichterung gestellt bekommen. Die Reichen sind zufrieden, dass ihnen der Großteil ihres Wohlstandes trotz der schwierigen Rahmenbedingungen erhalten bleibt.

Getrennt werden Arm und Reich durch eine holographische Wand, welche sein Erfinder „The Horizon“ getauft hat. Diese täuscht den Armen ein noch ärmeres Viertel vor, wo die Reichen allerdings tatsächlich in Luxus wohnen. Und die Reichen sehen ein zwar ärmeres Viertel, doch lange nicht so arm, wie es wirklich ist. So halten sich Neid und Mitleid genauso in Grenzen wie die Neugierde, über den Horizon zu gehen. Im Zweifel werden Grenzgänger nur als sensationsheischende Wichtigtuer abgetan.



Eine Szene, die sich im Jahr 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Capital News

 Handelnde Personen:

  • Fernsehzuschauerin – Beate  
  • Professor für Umwelttechnologien –
    Prof. Dr. Gumprich  
  • Moderator von Capital News
  • Vertreter der armen Schicht – Herr Bauer  
  • bekannter Vielverdiener – Herr Rich
  • Bildungsminister – Herr Maastricht  

Beate: (murmelt vor sich hin) Was mach ich heute nur? (schaltet gelangweilt den Hologramm-Fernseher an, sie verklickt sich und landet im Umweltprogramm)

Prof. Gumprich: (rückt seine Brille zurecht und berichtet stolz) Unser Thema ist heute das neue Sekret-Recycling! Bald benötigen wir kein Holz, keine Kohle, kein Gas – überhaupt keine fossilen Brennstoffe mehr. Aus unseren eigenen Sekreten können wir künftig genügend Energie gewinnen!

Beate: Wie ekelig! Was es nicht alles gibt… (klickt weiter)

Moderator: Guten Abend! Hier ist Capital News. Ich begrüße im Studio Herrn Rich. Ein häufiger und gern gesehener Gast. Dann ist hier noch Herr Maastricht, unser Bildungsminister, welcher seine Politik eng mit dem Master – unserem großen Anführer – abstimmt. Und nun zum Star unseres Abends: Herr Bauer, einer der Ärmsten unserer Gesellschaft. (dreht sich zu einem schlicht angezogenen Mann) Schön, dass Sie hier sind! (dreht sich wieder zur Kamera und lächelt breit) Wir haben ein paar Fragen an Herrn Bauer.

Herr Bauer: Ich möchte nur klarstellen, dass ich nur wegen des Buffets hier bin.

Herr Rich: Haha, ja, das ist verständlich.

Moderator: Achso, ähm, ja, ok. Wo wohnen Sie, Herr Bauer?

Herr Bauer: Unter der Brücke 8, nahe Laterne 6 im Karton 4. Aber wo bin ich jetzt eigentlich? Ich weiß gar nicht, wie ich hergekommen bin.

Moderator: (grinst vielsagend in die Kamera) Das wird unser Wissenschaftsexperte Prof. Dr. Bensch uns nachher noch erläutern. Herr Maastricht, wie läuft es in der Politik?

Herr Rich: (flüstert seinem Nachbarn ins Ohr) Maastricht, 1.000 Mastercoins, wenn die Antwort zufriedenstellend ist.

Bundesminister Maastricht: In der Politik läuft es gut. Die Finanzierungsprojekte für die neuen Roboter stehen. Soll ich Ihnen wirklich die ganzen erfolgreichen Initiativen der letzten Wochen noch einmal aufzählen? (lacht in die Kamera)

Herr Bauer ist sichtlich desinteressiert und lässt seinen Blick im Studio kreisen.

Moderator: Oh, Herr Bauer, ich sehe, dort steht ja schon das Buffet. Wollen Sie nicht schon einmal essen gehen? Es gibt da auch leckere Würstchen. Der erste hat die beste Auswahl (lächelt in die Kamera, zwinkert vielsagend Herrn Bauer zu, der zielstrebig die Bühne Richtung Buffet verlässt, und wendet sich sichtlich erleichtert den verbleibenden Gästen zu)

Herr Rich: Ich muss schon sagen, die Dummheit dieses Individuums ist anstrengend. Was lernt dieses Wesen denn in der Schule?

Bundesminister Maastricht: Nun, wir halten die Schulbildung der Armen relativ schlicht. Es gibt die drei Grundfächer Deutsch, Mathe und Englisch. Der Rest ist nebensächlich.

Moderator: Und was lernten Sie in der Schule, Herr Rich?

Herr Rich: Arabisch, Chinesisch, Mathematik, Wirtschaftsgrundlagen und weiterführend Deutsch und Englisch hat mich am meisten interessiert, aber dazu auch theoretische Physik, Mikrobiologie und Informatik. (schaut demonstrativ gelangweilt in die Runde, während er seine Krawatte zurechtrückt)

Beate klickt angewidert weiter.


2. Akt: Wissenschaft für Fortgeschrittene

 Handelnde Personen:

  • Fernsehzuschauerin – Beate  
  • Nanophysiker – Prof. Dr. Kleckert  
  • Psychaterin – Dr. Lieblich
  • Vertreter der armen Schicht – Herr Bauer  
  • der Herrscher – der Master 

Beate zappt weiter, bis sie beim Sender „Wissenschaft für Fortgeschrittene“ hellhörig wird.

Prof. Dr. Kleckert: Uiuiui, ich habe was für Sie, Frau Doktor Lieblich. Hihihi, einen ganz besonderen Kittel.

Er holt einen Kittel und bittet die Ärztin, diesen überzustreifen.

Dr. Lieblich: Toll, was kann der denn?

Prof. Dr. Kleckert: Mit diesem Knopf eine Größenveränderung, hier eine Temperaturanpassung und hier sogar eine automatische Reinigung.

Dr. Lieblich: Vielen Dank! Wie praktisch…

Prof. Dr. Kleckert: Ja, ich habe damit sehr gute Erfahrung gemacht. (grinst breit in die Kamera)

Dr. Lieblich: Prof. Dr. Kleckert, was ich Ihnen heute präsentieren wollte: Ich habe einen freiwilligen Kandidaten mitgebracht, manche von Ihnen kennen ihn auch schon: Herr Bauer. Mein Experiment besteht nun darin, ihn reibungslos in unsere Gesellschaft zu integrieren. Er wird versuchen, sich anzupassen und nicht allzu sehr aufzufallen.

Prof. Dr. Kleckert: Das klingt nach einer echten Herausforderung. (produziert ein gewinnendes Lächeln) Wie macht er sich?

Dr. Lieblich: Naja, zugegeben, er tut sich schwer. Eigentlich bin ich verblüfft, wie er es überhaupt schafft zu überleben. (lacht)

Master: (aus dem Off eine Computerstimme, die knistert und knackt) Prof. Dr. Kleckert, wie läuft die Waffenentwicklung?

Prof. Dr. Kleckert: Super, Mr. Master. Die Atomstrahlenpistole „Atomzerbrösler 2.0“ ist fertig. Damit kann man Geräte schrumpfen lassen und in eine kleine Tasche stecken. Da dies auch mit Menschen, sagen wir mal mit einem armen Bettler, funktioniert, habe ich die dazugehörigen Taschen „Schlucker“ genannt. (lacht aus vollem Halse) Aber im Ernst, jeder Feind – ob im Inneren oder im Äußeren – hat nun keine Chance mehr. Ein Klick und … nun ja.

Beate macht den Fernseher aus.

Beate: (murmelt nachdenklich vor sich hin) Vor 20 Jahren … da war alles ganz anders. Wie sie mit den schlechter gebildeten Armen umspringen, ist eigentlich eine Schande. Aber gut, immerhin geht es uns trotz Versteppung und extremer Hitzewellen noch halbwegs gut und die Armen glauben anscheinend, dass es ihnen wirklich besser als früher geht …