Überleben mit VR

In der Bevölkerung herrscht große Unzufriedenheit. Zwar hat die Deutsche Demokratische Partei – kurz DDP – vor nicht allzu langer Zeit den kostenfreien öffentlichen Nahverkehr eingeführt. Aber solche Maßnahmen können nicht über die allgemeine Misere hinwegtäuschen. Fast überall haben Roboter die Menschen von ihren Arbeitsplätzen verdrängt. In den Nachrichten hört man immer nur von neuen Entlassungen. Menschen werden durch Maschinen ersetzt. Man wird gefeuert, ohne dass es irgendjemanden kümmert. Es interessiert auch niemanden, dass man jahrelang für sein Unternehmen geschuftet hat, für schwarze Zahlen sorgte und sich nicht zuletzt der Chef eine goldene Nase verdiente.

Die Entlassungen laufen immer nach dem gleichen Schema ab: „Sie sind nicht effektiv genug. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere persönliche Zukunft. Auf (nimmer) Wiedersehen.“ Die vielen Erwerbslosen sind dann auf sich gestellt. Größere Proteste bleiben aus, denn alle wissen, dass es keinen Zweck hat, sich gegen diese unaufhaltsame „Robotisierung“ der Welt zu stellen.

Dafür gibt es in den massenhaften Virtual-Reality-Shops die beliebten Happy-Sessions. Jeder Bürger darf täglich eine Stunde in eine bunte, krasse Welt abtauchen, ohne irgendeinen Cent dafür zu zahlen. Wenigstens das übernimmt der Staat. Diese Läden sind immer voll. Für alles andere braucht man ja Geld, das kaum jemand ausgeben möchte. Klar – weil sonst kaum noch was bleibt, um über die Runden zu kommen. Höhepunkt für alle in diesem öden Leben sind die Happy-Sessions. Die tägliche Flucht in die schöne, andere Welt macht das Ganze irgendwie erträglich. Wenigstens etwas.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: In einer Fabrikhalle

 Handelnde Personen:

  • Chloé – Fabrikarbeiterin 1  
  • Zoé – Fabrikarbeiterin 2  
  • Marius – Fabrikarbeiter  

Zwei Arbeiterinnen – Chloé und Zoé – sitzen nebeneinander in der Fabrik-Cafeteria und essen ihr Pausenbrot. Es klopft und ein dritter Arbeiter – Marius – kommt herein. Er sieht ziemlich traurig aus.

Marius: Hallo!

Chloé (zu Zoé): Ich begleite ihn mal zu seinem Platz. (zu Marius) Hej Marius, schön Dich zu sehen (geht mit ihm ein Stück, unterhält sich ein wenig mit ihm und kommt wieder zurück)!

Zoé: Warum, denkst Du, ist er hier?

Chloé: Ich glaube, er wurde gefeuert und hat es gerade eben erfahren. Heutzutage ja die Regel, wir Arbeiter werden ja alle Schritt für Schritt durch Roboter ersetzt, weil die einfach viel besser sind.

Zoé: Ich habe gehört, er wurde letzte Woche auch aus seiner Wohnung herausgeschmissen. Schließlich steigen die Mietkosten und er sieht nicht so aus, als könnte er sich das leisten.

Chloé: Oje. Ich hoffe, wir werden nicht gefeuert. Armer Marius, anscheinend hatte er einen harten Tag.

In gedrückter Stimmung machen sie sich wieder an die Arbeit.


2. Akt: In der Firma Uranus

 Handelnde Personen:  

  • Abteilungsleiter  
  • Direktorin  
  • Arbeiter 149  

Die Firma Uranus gilt als fortschrittlich, denn viele Arbeitsschritte werden schon von Robotern übernommen – zur Freude von Konsumenten über niedrige Preise, doch zur Sorge der verbliebenen Arbeiter über ihren Arbeitsplatz.

Abteilungsleiterin: Sie haben mich gerufen?

Direktorin: Ja, kommen Sie rein! Setzen Sie sich bitte.

Abteilungsleiterin: Ich würde gerne über den Arbeiter 149 reden. Wie Sie sehen, arbeitet er nicht wirklich fleißig. Und wenn er arbeitet, arbeitet er nicht gut. Ich würde ihn gern feuern und wollte mich nochmal mit Ihnen beraten, wie Sie das finden, wenn wir ihn durch einen Roboter ersetzen würden. Roboter sind ja wirklich viel besser, denn sie können mehr körperliche Arbeit auf sich nehmen und sind auch schneller. Ich wollte nochmal Ihre Meinung dazu einholen.

Direktorin (überlegt): Ich finde, das ist eine sehr gute Idee. Roboter arbeiten viel schneller und brauchen keine Pause.

Abteilungsleiterin: Soll ich ihn holen?

Direktorin: Ja, bitte.

Die Abteilungsleiterin geht raus und kommt mit dem Arbeiter 149 herein.

Arbeiter 149 (lacht die beiden voller Vorfreude an): Schön, Sie zu sehen! Geht es um meine Gehaltserhöhung?

Direktorin (sie hält ihm ein neu produziertes Handy vor): Was ist das?

Arbeiter 149 (zögert): Ein Handy. Ich war noch nicht ganz fertig wegen der Arbeitsbedingungen.

Direktorin (schnaubt verächtlich): Nein, das liegt nicht an den Arbeitsverhältnissen, sondern an Ihnen! Sie sind einfach zu inkompetent, ein Handy ordentlich zu bauen. Ich meine, das funktioniert einfach nicht. Und deswegen feuere ich Sie jetzt und ersetze Sie durch einen Roboter.

Der Arbeiter 149 nimmt es reglos zur Kenntnis und verlässt ohne Protest das Büro.


3. Akt: In einem Wohnzimmer

 Handelnde Personen:

  • Selina – Freundin  
  • Maria – Freundin  
  • Mohammed Jansen – Nachrichtensprecher  

Zwei Freundinnen sitzen vor dem Hologramm-Fernseher.

Selina: Die Wochenschau! Die ist immer echt unterhaltsam.

Maria (nickt): Ja, stimmt! Finde ich auch.

Mohammed Jansen: Schönen guten Abend! Hier ist die Wochenschau mit Mohammed Jansen. Zunächst zur Deutschen Demokratische Partei – die DDP.

Selina (verdreht die Augen): Oje, die kann ich nicht mehr hören!

Mohammed Jansen: Die neusten Umfragen zeigen, dass die Menschen immer unzufriedener mit der Politik sind. Oft fühlen sie sich nicht von den Politikern vertreten.

Maria (schreit förmlich das Hologramm-Gesicht an): Na, das kannst Du aber laut sagen.

Mohammed Jansen: Der Politikwissenschaftler Professor Neubauer führt das in seinem neuen Buch auf den niedrigen Mindestlohn, die Abschaffung von Hartz IV und die wachsende Arbeitslosigkeit zurück, die er als Folge der Robotisierung ansieht. Die Mieten steigen, der öffentliche Nahverkehr ist teuer und da es kaum Ärzte gibt, ist auch die Behandlung in den Krankenhäusern oft kaum zu bezahlen. Besonders kritisch kommentiert er in seiner neusten Studie, dass die Schulpflicht abgeschafft wurde, da die Hoffnung auf Vollbeschäftigung aufgegeben wurde. Die Politik versucht nicht nur auf diesem Wege Protest zu unterbinden – ungebildete Menschen sind sich weniger bewusst, wie schlecht es ihnen geht -, sondern verbietet Demos und investiert in Militärausgaben, um sich im Falle eines Bürgerkrieges wehren zu können. Am Ende seiner vielbeachteten Analyse kommt er zum Schluss, dass die Politik möglicherweise mit ihrer Strategie Erfolg haben wird, da die vielen Virtual-Reality-Cafés, die immerhin für eine Stunde pro Tag kostenlos sind, den Menschen helfen, in fiktiven Welten ihre Wut auszulassen. Neubauer schlägt vor, die Steuern wieder zu erhöhen, damit der Staat den Menschen besser helfen kann. Dieses Buch scheint unsere Gesellschaft zu spalten. Daher findet im Anschluss die Talkshow „Ganz ehrlich!“ mit meinem Kollegen Abi Jansen statt, in der wir mit Professor Schwelfert und Professpr Grünert über die umstrittenen Aussagen des Buches diskutieren…

Maria schaltet den Fernseher aus.

Maria: Wie immer sehr spannend! Was hältst Du von dem Buch von diesem Neubauer?

Selina: Naja, endlich spricht es jemand mal aus!

Die beiden diskutieren über das Buch und vereinbaren, später bei „Ganz ehrlich!“ einzuschalten.