Demokratie mit diktatorischen Zügen

Ein Zeitreisebericht aus dem BSZ Delitzsch vom 3. bis 4. Juli 2019

Der Klimawandel kam schneller als erwartet, das Land musste sich verändern. Auch die Artenvielfalt ließ nach, es gab nur noch die selbst entwickelten „Ranimals“. Um die zunehmend knappen Ressourcen fair zu verteilen, wurden als erstes die Großkonzerne verstaatlicht und eine Planwirtschaft eingeführt. Nahrung wird den Menschen nun nach Körpermasse zugewiesen.

Die Grundrechte, die wir einst kannten, hat Mangela Erkel „uminterpretiert“. Artikel 1 des Grundgesetzes nennt harte Strafen bei Auflehnung gegen den Staat. Alle Menschen sind verpflichtet, einen digitalen Überwachungschip namens „Axella“ zu tragen. Die einst so farbenprächtige Welt ist ein Trümmerhaufen ihrer selbst.  

Per Gesetz gibt es nun gleichen Lohn – die Reichen protestieren, müssen sich aber letztlich fügen. Auch herrscht eine Arbeitspflicht, wobei die Arbeit an Sonntagen und Feiertagen sowie von 22 bis 4 Uhr von Robotern übernommen wird, wobei die Hoffnung sich verbreitet, dass diese künftig die Arbeitszeiten reduzieren werden.

Auch im Bildungsbereich gibt es drastische Veränderungen. Jeder Bürger erhält nun eine staatliche Ausbildung, die sich an einer strengen, hierarchischen Struktur orientiert. Der Trend zur Vereinheitlichung zeigt sich auch an den weißen Schuluniformen. Am Ende der schulischen Laufbahn müssen alle Schüler einen sogenannten „Fraktionentest“ durchführen. Dieser leitet aus den Talenten und Vorlieben der Prüflinge die berufliche Laufbahn jedes Einzelnen ab, die sich an den Bedürfnissen des Absolventen und dem Bedarf der Gesellschaft an Fachleuten orientiert.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Zu Hause bei Hannah und Emily

 Handelnde Personen:

  • Hannah – Schülerin  
  • Emily – Schülerin

Wir sehen parallel – als wenn die sie trennende Wand nicht existieren würde –, wie die zwei Nachbarn Hannah und Emily sich auf das morgendliche Verlassen ihrer Wohnung vorbereiten.

Beide liegen mit derselben Körperhaltung im Bett. Zeitgleich klingelt der Wecker. Sie stehen identisch auf und mit denselben Bewegungen waschen sie sich das Gesicht und putzen sich die Zähne, ziehen sich die gleichen Kleidung an, gehen im selben Laufstil zum Kühlschrank, um dasselbe zu trinken und zu essen und verlassen gleichzeitig ihre Reihenhäuser.


2. Akt: Der Fraktionstest in der Schule

 Handelnde Personen:  

  • Helga – Prüferin
  • Hannah – Schülerin  
  • Emily – Schülerin
  • Martin – Schüler

Drei Schüler sitzen an ihren Tischen, vor ihnen steht eine uniformierte Frau, die mit einer streng-schrillen Stimme spricht.

Helga: Guten Morgen und willkommen zu Ihrem Fraktionstest! Sie stehen am Ende Ihrer schulischen Ausbildung und werden nun an einem schriftlichen Test teilnehmen. Dieser ist von großer Bedeutung für Ihre berufliche Zukunft. Ich erwarte dabei volle Konzentration und absolute Ruhe. Viel Erfolg! Ihre Zeit beginnt … (schaut auf die Uhr) jetzt!

Die Schüler bearbeiten den Test. Helga schaut die ganze Zeit, dass niemand abschreibt.

Helga: Die Zeit ist um. Legen Sie den Stift zur Seite. Bitte haben Sie etwas Geduld. Es erwartet Sie ein weiterer Test. Dieser Test besteht aus einem Gespräch.

Sie überfliegt die Tests und macht sich Notizen. Schließlich wendet sie sich an die wartenden Schüler.

Helga: So, beginnen wir mit der mündlichen Prüfung. Achten Sie bitte auf klare, schnelle und deutliche Antworten! Hannah, kommen Sie bitte nach vorn (Hannah tritt nach vorn). Hannah, würden Sie gerne an einer Stelle arbeiten, anstatt viel herumzureisen?

Hannah: Ja.

Helga: Können Sie Leute motivieren?

Hannah: Ja.

Helga: Sind Sie eine gute Zuhörerin?

Hannah: Ja.

Helga: Wollen Sie lieber eine geistige oder körperliche Arbeit verrichten?

Hannah: Körperlich.

Helga: Möchten Sie lieber eigene Ideen entwickeln oder bestehende Ideen umsetzen?

Hannah: Bestehende Ideen umsetzen.

Helga: Vielen Dank (Hannah setzt sich)! Jetzt Emily, bitte komm nach vorne (kommt nach vorne). Sind Sie ein kreativer Mensch?

Emily: Ja.

Helga: Können Sie gut mit Technik umgehen?

Emily: Ja.

Helga: Können Sie auch programmieren?

Emily: Ja.

Helga: Wollen Sie lieber immer an einem Ort bleiben oder wollen sie herumreisen?

Emily: Ich bin flexibel.

Helga: Sind Sie teamfähig?

Emily: Ja.

Helga: Alles klar, danke, Emily (Emily setzt sich wieder). Martin, bitte komm hier her (Martin tritt nach vorne). Sind Sie kontaktfreudig?

Martin: Ja.

Helga: Fällt Ihnen das Auswendiglernen leicht?

Martin: Ja.

Helga: Was tun Sie, wenn jemand auf der Straße mit einem gebrochenen Arm liegt?

Martin: Ich leiste Erste Hilfe.

Helga: Und wenn es eine Frau ist und Unterleibschmerzen hat?

Martin: Dann bringe ich sie ins nächste Krankenhaus.

Helga: Hm, nun ja. Danke, Sie können sich setzen (Martin setzt sich, Helga wendet sich den drei Schülern zu). Meinen Glückwunsch, Sie haben den Test erfolgreich absolviert. Das Ergebnis folgt in Kürze (Helga geht ihre Notizen durch, nach 5 Minuten wendet sie sich wieder den Schülern zu). Aufgepasst: Hiermit verkünde ich das Ergebnis der Prüfungen. Die folgende Berufe werden Sie bis zur Rente ausüben: Hannah, Sie werden Putzfrau. Emily, Sie werden Technikerin, und Martin, Sie werden Gynäkologe. Viel Glück in Ihrem zukünftigen Beruf!

Die drei Schüler nehmen das Ergebnis regungslos zur Kenntnis und verlassen den Raum.


3. Akt: Tagesschau

 Handelnde Personen:  

  • Hannah – Schülerin
  • Jan Hofer – Nachrichtensprecher  
  • Martin Schlau – Korrespondent
  • Axela – Roboter
  • Robert Gnädig – IFA-Besucher

Hannah geht ins Wohnzimmer und macht den Fernseher an. Es kommen die Nachrichten.

Off: (die bekannte Tagesschau-Musik ertönt) Herzlich willkommen zu der Tagesschau, heute mit Jan Hofer.

Jan Hofer: Guten Abend, meine Damen und Herren. Heute wurde auf der IFA der neue Roboter Axela vorgestellt. Wir waren dort und haben Besucher befragt. Ich schalte live zu unserem Korrespondent Martin Schlau.

Martin Schlau: Herzlich willkommen zur Internationalen Funkausstellung! Ich frage einen Passanten, was er vom neuen Roboter Axela hält, der hier neben mir steht und mich mit großen Augen anlächelt. Hallo, Sie! Ja, Sie! Wie heißen Sie?

Robert Gnädig: Mein Name ist Robert Gnädig.

Martin Schlau: Was meinen Sie, wird Axela uns künftig als „Freund und Helfer“ dienen?

Robert Gnädig: Ja.

Martin Schlau: Würden Sie so weit gehen zu behaupten, dies sei ein entscheidender Fortschritt für die Menschheit?

Robert Gnädig: Ja.

Martin Schlau: Würden Sie persönlich auch gerne so einen Roboter zu Hause haben?

Robert Gnädig: Ja.

Martin Schlau: Können Sie sich vorstellen, dass Axela in vielen Branchen Menschen ersetzt?

Robert Gnädig: Ja.

Martin Schlau: Vielen Dank für dieses – nun ja – wirklich inspiriiiiierende Interview!

Robert Gnädig: Ja – ich meine … gerne!

Jan Hofer: Und nun zum Wetter. Morgen kühlt sich die Temperatur tagsüber auf 45 Grad ab. Am Wochenende wird es wieder wärmer.

Hannah schaltet den Fernseher aus und schläft ein.